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Die Kirche bleibt nicht mehr im Dorf
Foto: Volker Beushausen

Die Kirche bleibt nicht mehr im Dorf

Lesedauer: ca. 3 Min. | Text: Angelika Herstell

Gotteshäuser verschwinden, Stadtbilder verändern sich.

Es ist ein schmerzhafter Prozess“, sagt Pfarrer Heinrich Plaßmann. Die Kirche St. Josef, die zur Gemeinde St. Amandus in Datteln gehört, wird im kommenden September entwidmet, in der katholischen Kirche heißt das „profaniert“. Im Anschluss wird sie leergeräumt, die große Orgel soll möglichst verkauft werden, und dann beginnt der Abriss. Auch das benachbarte Pfarrheim und ein Wohnhaus, das der Kirche gehört, werden dem Erdboden gleichgemacht.

Wegen schwindender Mitgliedszahlen und Gottesdienstbesucher, werden Kirchen aufgegeben, denn sie zu unterhalten, kostet viel Geld. Bereits vor zehn Jahren hat die St. Amandus-Gemeinde eines ihrer Gotteshäuser entwidmet: die Antoniuskirche, die heute ein Kolumbarium ist. In den Urnenkammern dort lassen sich u.a. Bürgerinnen und Bürger bestatten, die an diesem Ort früher selbst aktive Christen waren. Gebäude und Kirchturm der St. Antonius-Kirche stehen noch.

Gemeinde St. Anada`s 

Heinrich Plaßmann, Gemeindepfarrer
Die Friedenskirche am Schiffshebewerk
ist die älteste evangelische Kirche in
Datteln und im gesamten Ostvest. 2016
verlor die Friedenskirche ihre Funktion als
Gotteshaus. Foto: Volker Beushausen

Das trifft auch auf die evangelische Friedenskirche am Schiffshebewerk zu, die ebenfalls eine neue, wenn auch ganz andere Nutzung gefunden hat. Sie ist nicht mehr Standort für die Binnerschiffer-Seelsorge, sondern eine „Eventkirche“, in der richtig `was los ist. Auch die evangelische Versöhnungskirche am Meckinghover Weg soll Ende des Jahres entwidmet werden.

Abriss von St. Josef

Doch im Gegensatz dazu wird St. Josef abgerissen. „Wir alle waren es von klein auf gewohnt, immer eine Kirche in „Ruf-Entfernung“ zu haben. Das wird so nicht mehr sein, sagt Pfarrer Plaßmann. Den Abriss der Kirche haben Kirchenvorstand und Pfarreirat nach langer gewissenhafter Prüfung der Lage und der Angebote von Investoren beschlossen. Auch junge Erwachsene aus den Reihen der Messdienerschaft waren von Anfang an in die Überlegungen einbezogen, um auch die nächste Generation zu beteiligen. Man wollte nicht abwarten „bis das Bistum die Rote Karte zückt“, sondern rechtzeitig selbst aktiv werden und entscheiden.

So baut der Investor, die „soleo* consult GmbH“ aus Düsseldorf einen Mehrgenerationen-Campus. Vier Gebäude, teils durch Wandelgänge miteinander verbunden, in denen junge und alte Menschen mit Betreuungsbedarf leben oder auch ambulant betreut werden können.

Gemeinsame Lösung

Betreiber wird die Caritas sein. Das Grundstück bleibt als Erbpacht Gemeindeeigentum. „So bleibt uns der Wert“, sagt Pfarrer Plaßmann. Auch die alten Bäume werden erhalten. Das war Bedingung. Insgesamt eine Lösung, die auf einem breiten Konsens fußt.

So langsam beginnen die Gemeindemitglieder Abschied zu nehmen. Auf einem riesengroßen Banner in der Kirche können sie unter der Überschrift „Was bleibt…“ ihre Gedanken aufschreiben. Kindergartenkinder haben die farbenfrohen Kirchenfenster abgemalt. Kürzlich gab es nach dem Gottesdienst ein „Erinnerungs-Café“, und Pfarrer Plaßmann, der ein leidenschaftlicher Fotograf ist, hat Menschen vor Taufstein oder Altar fotografiert. Dort, wo sie einst ihre Kinder haben taufen lassen oder wo sie sich das Ja-Wort gaben.

Gemeinde St. Anada`s 

Heinrich Plaßmann, Gemeindepfarrer
mit Redakteurin Angelika Herstell
Kolumbarien, wie das St. Antonius Kolumbarium, bieten Platz für Urnenbestattungen. Foto Volker Beushausen

Direkt vor der Profanierung soll es dann eine „Offene Nacht“ in der St. Josef-Kirche geben: Das genaue Programm dafür ist noch in Arbeit. „Es wird so manche Träne fließen“, sagt der Priester. Das Gemeindeleben werde sich natürlich verändern. Die Kirchenbesucher von St. Josef werden bald sonntags in die Kirche St. Amandus gehen, die die Hauptkirche der Gemeinde ist und ca. 1,5 km entfernt. Nach der Zukunft gefragt, sagt Heinrich Plaßmann: „Ich habe eine Grundzuversicht. Seit 30 Jahren bin ich Priester und trotz sinkender Mitgliederzahlen nicht verärgert oder verbittert. Ich erlebe jeden Tag Männer und Frauen, die den Glauben leben und sich für ihre Gemeinde einsetzen. Diese Menschen wird es immer geben.“

 

Info
Kirche St. Amandus & St. Josef

st-amandus-datteln.de/
st-josef-kirche.html

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